Sep 16 | Neue ZDF Mediathek: Frust auf Abruf |
| geschrieben von Dominik Schuster am 16. September 2007 |
Mit großem Getöse hat das Zweite Deutsche Fernsehen auf der diesjährigen IFA seine neue Online-Mediathek vorgestellt und das neue Produkt kurzerhand zum Messestar der diesjährigen Rundfunkausstellung erklärt. Das ZDF möchte damit die Zeit des Internet-Fernsehens endgültig einläuten. Doch für mich sieht die Zukunft des Fernsehens anders aus.
Es hört sich toll an, wenn der Intendant des ZDF, Herr Schächter, verkündet: “Das Abruf-Fernsehen bringt den Zuschauern einen Mehrwert ohne Zusatzkosten” und weiter: “Damit sind wir europaweit Spitzenreiter und definieren auch technologisch die Standards für Abruffernsehen in Europa”. Aha – die Öffentlich-Rechtlichen als Innovationstreiber, das hatten wir bisher noch nicht.
Wenn man die Pressemitteilungen und die vom ZDF herausgegebene Broschüre liest, wird mir das Gefühl vermittelt, dass das ZDF sich wirklich etwas ganz Großes hat einfallen lassen und mir (und allen anderen GEZ-Zahlern) nun einen tollen Mehrwert ohne weitere Kosten anbietet:
Beliebt – auch im Internet – sind Krimi-Klassiker wie “Der letzte Zeuge”, die neuen Folgen des mürrischen Landarztes “Doktor Martin”, die monatliche Satire “Neues aus der Anstalt” und natürlich die Telenovela “Wege zum Glück”. Die Mediathek hält immer mehr Serien, Fernsehfilme und Shows vor und wird Schritt für Schritt ausgebaut. In diesem großen Angebot können die meisten Videos für sieben Tage bereitgestellt werden, einige Sendungen und Beiträge auch deutlich länger.
Ich schließe daraus: Ich kann nun meine Lieblings-Krimiserien und die meisten sonstigen Sendungen im Internet ansehen – ein guter Service. Außerdem gibts noch – laut Pressetexten – viele Live-Übertragungen – ja, zum Teil werden Sendungen schon bevor sie im Fernsehen laufen über die Mediathek ausgestrahlt. Auch das hört sich gut an.
Im Praxistest kommt die Ernüchterung schnell …
Doch die Ernüchterung kommt schnell, wenn ich mir die Mediathek im Praxiseinsatz ansehe – sie ist (bisher zumindest) für mich eine große Enttäuschung. Zugegeben: Modern gestaltet kommt sie daher – die Übersichtlichkeit ist gut, es gibt keine überflüssigen Infos und keine störende Werbung. Etwas fraglich finde ich nur die düstere schwarze Gestaltung – und vielleicht kann man auch beim ZDF mal lernen, dass graue Schrift auf schwarzem Hintergrund einfach schwer zu lesen ist …
Aber die Gestaltung im Flash-Design ist insgesamt OK. Die Ernüchterung kommt vor allem bei den Inhalten – aus mehreren Gründen:
- Von wegen: Krimiserien auf Abruf
Ich habe mich gefreut jetzt meine Lieblings-Krimiserien im ZDF auch online anschauen zu können. Und auch im Pressetext werden sie ja erwähnt. Doch was muss ich sehen? Die Krimiserien sind zwar in allen Folgen in der ZDF-Mediathek vertreten – aber nur als Bildergalerien. Ohne Ton. Ohne bewegtes Bild. Nur mit einigen Szenenbildern inklusive Kurzbeschreibung der Story. So habe ich mir das nicht vorgestellt. - Von wegen: “Sendung verpasst?”
Besonders die Funktion “Sendung verpasst? – Fernsehen auf Abruf” wurde immer wieder angepriesen. 7 Tage und mehr sollte man Sendungen im ZDF auch online anschauen können, wenn man sie im Fernsehen verpasst hat. Eine gute Idee – aber die Umsetzung: Äußerst mager. Es ist nur ein ganz kleiner Bruchteil der ZDF-Sendungen in dieser Funktion verfügbar.
Sendung verpasst?
In der Mediathek findet man bestimmt nicht, was man sucht …Beispiel 12.09.2007: Um bestens über diesen Tag informiert zu werden, kann ich mir nochmal die Tagesausgabe von “Heute Mittag”, “Heute in Europa”, “Heute”, “Heute-Journal” und “Heute Nacht” ansehen. Für leichtere Unterhaltung gäbs dann noch das “Morgenmagazin”, “Mittagsmagazin”, “Hallo Deutschland” und den aktuellen Talk bei “Johannes B. Kerner”. Ansonsten noch: “Logo Tivi” (am Mittag und am Abend), “Abenteuer Wissen”, “Drehscheibe” und die aktuelle Ausgabe von “Wege zum Glück”. Mehr nicht. Und wenn ich eine andere Sendung verpasst habe? Tolles Angebot …
Auch das: Von wegen Benutzerfreundlichkeit …
Und noch zwei Dinge gefallen mir gar nicht bei der neuen Mediathek: Man muss die Mediathek im Popup-Fenster im Browser öffnen, um auf die Inhalte zugreifen zu können. Ich kann also nicht nebenzu ein Video-Fenster unten am Bildschirm platzieren und nebenher etwas anschauen, wie es etwa bei Maxdome möglich ist. Das ist umständlich – für mich läge der Reiz am Internet-Fernsehen gerade darin, dass ich nebenzu fernsehen kann. Und noch was: Die Online-Mediathek hat ein Browser-Problem. Wenn ich die Mediathek im Opera-Browser ansteuere, wird das Video-Fenster völlig verzerrt dargestellt. Das sollte doch auch wirklich nicht sein. Außerdem: Ich kann einzelne Beiträge in der Mediathek nicht direkt im Browser ansteuern, da nicht jeder Beitrag eine eigene Webadresse bekommt. Alles ist an das Popup-Fenster der Mediathek gekoppelt. Nicht sehr benutzerfreundlich. Und die fehlenden Deeplinks sind auch für andere Webmaster störend.

Fazit:
Die groß angekündigte ZDF Mediathek ist eine große Enttäuschung – so sieht für mich nicht die Zukunft des Fernsehens aus. Internet-Fernsehen wird für mich erst interessant, wenn ich einen Großteil des Programmes als Video übers Internet anschauen kann oder/und live übers Internet fernsehen kann. Ich hoffe nur, dass das ZDF noch einiges nachbessert und die Konkurrenz von der ARD ein besseres Angebot zusammenbastelt.






Der Artikel bestätigt genau meinen eigenen Eindruck und meine Erfahrungen mit der Mediathek. Hinzufügen möchte ich, dass das Flash-Design zwar auf den ersten Blick ganz ordentlich aussiht, aber einen ganz großen, benutzerunfreundlichen Nachteil mit sich bringt: Die Schriftgrößen sind ziemlich klein geraten und lassen sich nicht anpassen.
Dies macht sich insbesondere bei der Konvergenz der Medien bemerkbar: Auf dem Wohnzimmerfernseher ist die Mediathek unbenutzbar da unlesbar. Selbst auf einem 37 Zoll LCD-Fernseher ist aus normaler Sitzentfernung heraus das Angebot nicht lesbar. Wer aber möchte – sofern doch mal eine interessante Sendung in dem mageren Angebot zu finden ist – diese nur am Computermonitor betrachten?
Auch einen möglichen Umweg, den Download der Sendung und das Abspielen auf anderen Geräten, möchte das ZDF nach Möglichkeit verhindern und hat sich hierzu allerlei (zwar ausräumbare, aber benutzerunfreundliche) Hindernisse ausgedacht.
Als Zwangsgebührenzahler kann ich hierzu nur sagen: Am freien Markt wäre dieses Produkt nicht konkurrenzfähig. Ein weiterer Fall von massiver Gebührenverschwendung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Meine Bewertung: Ungenügend, sechs, setzen.
Sehr interessieren würde mich, wieviel das ZDF für dieses Angebot ausgibt.
Wann endlich erkennt die Politik, dass sie den verselbständigten öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Schranken weisen muss?